Sommer in Kehl vor 100 Jahren: Zu viel Regen, Kälte, keine Kartoffeln und französische Besetzung

Während der Juli zunächst für die Jahreszeit etwas zu kühl gestartet ist, dann eine Hitzewelle mit Temperaturrekorden und heftiger Trockenheit folgte, legte der Regen vor 100 Jahren in Kehl das Getreide flach und an den Abenden war es teilweise so kalt, dass in den Häusern die Öfen angeheizt werden mussten. Fast jeder Tagebucheintrag von Mathias Nückles V aus Kehl Dorf beginnt mit einer Schilderung der Wetterverhältnisse. Dem damals 48-Jährigen ist es zu verdanken, dass in der Ausstellung „Goldene Zwanziger? Kehl in der Weimarer Republik“, die noch bis zum 8. Dezember im Hanauer Museum zu sehen ist, der Alltag in der Zeit des Zusammenbruchs des Kaiserreichs, der Revolution, der Etablierung der ersten deutschen Republik und des ersten Jahres der französischen Besetzung aus sehr persönlicher Sicht geschildert werden kann.

Tagebuchschreiber Mathias Nückles mit seiner Frau Magdalenazoom
So zum Beispiel die Geschehnisse am französischen Nationalfeiertag, dem 14. Juli, der 1919 natürlich auch auf der deutschen Rheinseite gefeiert wurde. Mathias Nückles berichtet: „Mittags, wie ich heimfahre, schießen die Franzosen Salutschüsse und zwar auch mit den beiden 7,5 cm Geschützen, die an dem alten Stadt-Kehler Rathaus aufgestellt sind. Am Anker und am Falken steht ein Posten, der die Straße frei halten muß. Ich steige vom Rad und sehe die Geschichte auch an. Die Geschütze wurden von Artilleristen geladen und von französischen Damen abgefeuert, dabei ist ein Photograph aufgestellt, der Aufnahmen macht. Ächt französisch!“
Abends geht Mathias Nückles mit seinen „Weibsleuten“, worunter er seine Frau, die Großmutter und die Töchter Magdalena (Lenel) und Elisabeth (Liesel) zusammenfasst, zur Rheinbrücke: „Es ist ein feenhafter Anblick, diese vielen tausend Glühlampen, alle in blau-weiß-rot, dabei das Feuerwerk, das Sausen der Raketen und dabei die ungeheure Menschenmenge. Der Fackelzug der Soldaten geht vom neuen Rathaus ab, die Hauptstraße entlang bis zum Bahnhof und zur Villa des Hauptmann Schmidt, in welcher französische Offiziere wohnen, von dort den gleichen Weg zurück bis zur Blume, hier spielt die Musik ein paar Stücke, dann geht es an den Stadtweiher, wo bei brillantem Feuerwerk der Zug sich auflöst.“
Marsch französischer Soldaten durch die Hauptstraße 1919zoom

Das Feuerwerk ist noch nicht zu Ende, als die Familie vom Regen überrascht wird. Es schüttet die Nacht durch und am nächsten Morgen fährt Mathias Nückles „im stärksten Regen“ zum Dienst – er arbeitet als Beamter beim Elektrizitätswerk im Hafen. Abends muss er sein Öfchen einschalten, so kühl ist es an diesem 15. Juli. Am 17. Juli ist der Himmel zwar blau, aber es ist so kalt, „dass man meint, es steht nahe an einem Reif. Die Pflanzen im Garten triefen vom Tau“, notiert er in seinem Tagebuch. Doch mehr als das Wetter („Jetzt wird es nicht mehr lange dauern, dann bittet man um gutes Wetter.“) beschäftigt ihn die Tatsache, dass seine Frau auf dem Rathaus keine Kartoffeln bekommen hat. Abends fährt er selber nach Eckartsweier, kehrt aber ebenfalls mit leeren Händen zurück: „Es gibt kein Mensch mehr Kartoffeln her“, bedauert er. Wenn er kein Brot oder Fleisch mehr kaufen könnte, würde es den Familienvater weniger treffen.

Besatzung in Goldscheuer
Foto: Verein für Heimatpflege Goldscheuer, Marlen, Kittersburg e.V.zoom

Das Wetter bessert sich nicht: Es regnet weiter, so auch am 22. Juli, wenn auch nur leicht: „Das ist ein böses Erntewetter“, sorgt sich Mathias Nückles offenbar zu Recht. Am 24. Juli schreibt er in sein Tagebuch: „Heute Nacht hat’s wieder „saumäßig“ geregnet, wenn ich in der Nacht erwacht bin hat es gepatscht. Ein schreckliches Wetter! Uns liegt schon soviel Frucht auf dem Boden.“ In Kehl mehren sich in dieser Zeit die Fälle von Ruhr und Mathias Nückles fürchtet um seine eigene Gesundheit und die seiner Familie.
Die Töchter Lenel und Liesel haben sich zu einem unentgeltlichen Französischkurs angemeldet, den die Franzosen in Kehl anbieten: Sie besuchen nicht nur die Feierlichkeiten zum 14. Juli, sie sind auch am 18. Juli mit dabei, als die Franzosen mit Zapfenstreich und Feuerwerk ihre Siegesfeier beenden. Mathias Nückles hat diese bereits tagsüber beobachtet: „Mittags schießen die Franzosen an der Rheinbrücke Raketen, die, wenn sie in der Luft geplatzt sind, einen blau-weiß-roten Fallschirm hervorbringen, an welchem die Trikolore flattert und langsam zur Erde sinkt. Derweilen dröhnen Kanonenschüsse. Vor dem Bahnhof sind 2 schwere Motorgeschütze, mindestens 8 Meter Rohrlänge, alles zur Erhöhung der Siegesfeier. – Nachmittags sind scheint’s am Hafen Schaustellungen, eine Unmenge Soldaten reiten, marschieren und spazieren vorbei an meinem Fenster“, notiert er in sein Tagebuch. Albertle, wie er seinen Sohn Albert nennt, nimmt an Schwimm- und Sportfesten der Franzosen teil.

Soldaten in Kork
Foto: Handwerksmuseum Korkzoom

Liesel und Lenel sind es, die bei den Franzosen Eingaben machen, um den Brückenkopf Kehl verlassen zu dürfen: Liesel fährt bereits am 17. Juli mit der Lokalbahn nach Offenburg und dann weiter mit der Staatsbahn nach Gengenbach, wo sie bis zum 19. Juli bleibt. Lenel tut es ihrer Schwester am 2. August nach – Mathias Nückles beschreibt in seinem Tagebuch die Erleichterung seiner Frau, als das Mädel am 3. abends wieder wohlbehalten zu Hause ist.
Nach dem nassen Juli wird die Familie im August von Stechmücken geplagt; der Weizen wird vor der Gerste geerntet und laut Mathias Nückles Tagebucheinträgen ist es noch immer eher zu kalt. Dem 48-Jährigen macht aber vor allem zu schaffen, dass er seit 14 Tagen keinen Kautabak mehr bekommen hat. Ersatzweise kaut er Rauchtabak und bringt damit seine Frau in Rage: „wenn meine Alte das sieht, macht sie mir jedesmal den Rost herunter, aber es nützt nichts, ich kann mir das Tabakkauen nicht abgewöhnen!“

Anbringung des Gallischen Hahns auf der Kehler Brückenseite nach der Besetzungzoom

Hintergrund:
Als die Franzosen Kehl im 20. Jahrhundert zum ersten Mal besetzen, bleiben sie von 1919 bis 1930 – also elf Jahre lang anstelle von acht Jahren von 1945 bis 1953. Die Kehler Bevölkerung lebt in dieser ersten Besatzungszeit in ihrer Stadt. Sie muss Einquartierungen von französischen Soldaten hinnehmen, wird aber auch von der Landesregierung sowie der Regierung in Berlin unterstützt. Lebensmittel sind bisweilen knapp, aber die Kehlerinnen und Kehler leiden deutlich weniger Hunger als die Bewohner anderer, vor allem größerer Städte. Kehl ist Teil des besetzten Rheinlandes und ein abgeriegelter Brückenkopf. In östliche Richtung kommt man nicht mal mehr bis Appenweier. Wer das Brückenkopfgebiet verlassen möchte, braucht die Erlaubnis der Franzosen.

Die Ausstellung „Goldene Zwanziger? – Kehl in der Weimarer Republik“ ist donnerstags, freitags und sonntags, jeweils von 11 bis 17 Uhr geöffnet.

30.07.2019

 

Flüchtlingshilfe Kehl

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