Corvus frugilegus oder: Der krächzende Nachbar von nebenan

Amsel, Drossel, Fink und Star: Die Liste der heimischen Singvögel ist lang. Mit dazu gehört auch die Saatkrähe, die eher durch metallisch klingendes Gekrächze statt durch melodiöses Gezwitscher auffällt. Das laute Geschrei macht sie bei Menschen nicht selten unbeliebt, weiß die städtische Umweltreferentin Sarah Koschnicke. Dabei sei der intelligente Vogel ein ausgezeichneter Schädlingsbekämpfer und einst sogar ein gern gesehener Gast auf Äckern gewesen.

Für Sarah Koschnicke sind Saatkrähen echte Teamplayer: „Sie leben in Kolonien zusammen und bauen ihre Nester gemeinschaftlich mit mehreren anderen Brutpaaren in Bäumen.“ Die Kommunikation spiele in der Kolonie eine wichtige Rolle – und führe oft zu gereizten menschlichen Nachbarn. Denn das laute Krächzen – häufig auch in den frühen Morgen- oder Abendstunden – stoße bei den meisten Menschen nicht gerade auf Verständnis. „Krähen signalisieren mit ihrem Gekrächze ganz unterschiedliche Dinge“, weiß Sarah Koschnicke. So gebe es spezielle Rufe, um die Gruppenmitglieder auf eine Futterstelle aufmerksam zu machen. Laute Rufe gäben die Tiere auch von sich, wenn sie von der Gruppe weit entfernt seien, leisere Töne hingegen seien für den eigenen Krähenpartner bestimmt.

Saatkrähen leben gerne in Kolonien und bauen ihre Nester nahe beieinander, so wie in den Platanen an der Stadthalle.zoom

Oftmals werde die Saatkrähe mit den gleich großen Rabenkrähen verwechselt, da sich beide sehr ähnlich sehen. Die Unterscheidung ist jedoch einfach: Die Saatkrähe hat einen grauen, unbefiederten Schnabel; die Rabenkrähe einen schwarzen. „Die lateinische Bezeichnung für die Saatkrähe lautet Corvus frugilegus, wobei letzteres für „Früchte sammelnd“ steht“, erklärt Sarah Koschnicke. Auf dem natürlichen Speiseplan der Saatkrähe stünden neben Beeren und Früchten auch Insekten und Regenwürmer. Aber auch größere Tiere wie Mäuse und andere kleine Säugetiere fräßen die schwarzen Vögel gerne.
Galten sie früher als Schädlingsbekämpfer und waren gern gesehene Gäste auf Äckern, habe sich das Bild mittlerweile gewandelt: Durch den vermehrten Einsatz von Pestiziden sei den Saatkrähen ein Teil ihrer natürlichen Nahrung genommen worden. „Die Tiere fressen inzwischen statt den Schädlingen häufig das eigentliche Saatgut auf den Feldern“, erklärt Sarah Koschnicke. Die anpassungsfähigen Allesfresser ernährten sich aber auch von Aas, wodurch sie einen wichtigen Beitrag zum Ökosystem leisteten.
„Durch starke Bejagung war die Saatkrähe Mitte des 20. Jahrhunderts in Baden-Württemberg vom Aussterben bedroht“, berichtet Sarah Koschnicke. Mittlerweile habe sich der Bestand zwar wieder erholt, dennoch stehe die Saatkrähe weiterhin auf der Roten Liste der Brutvogelarten Baden-Württembergs und genieße dadurch einen Schutzstatus. Zum Leben bevorzuge die Saatkrähe offene Landschaften mit Nistmöglichkeiten auf Baumgruppen. Mittlerweile siedelten sie sich ganze Kolonien aber auch vermehrt in Stadtnähe an.

Hoffnung für vom Krächzen genervte Nachbarn: Wenn im Juni die Jungvögel das Nest verlassen, wird es meist ruhiger.zoom

„Neben der akustischen Belästigung verursachen Krähen immer wieder auch größere Schäden“, wie der Leiter des städtischen Betriebshofs, Peter Grün aus eigener Erfahrung weiß. So konnte der Sportplatz in Sundheim vor ein paar Jahren nicht mehr genutzt werden, weil die Tiere auf der Suche nach Würmern und anderen Leckereien ein komplettes Fußballfeld umgegraben hatten. „Der Rasen war nicht mehr zu retten und musste großflächig nachgesät werden.“ Maßnahmen, um Krähen zu verscheuchen, sind meist nur kurzfristig wirksam. Egal ob aufgehängte CDs oder das Auslegen von Krähen-Attrappen als Abschreckung: „Die schlauen Vögel merken sehr schnell, wenn keine wirkliche Gefahr besteht“, sagt Sarah Koschnicke. Da sie gleichzeitig unter einem besonderen Schutz stünden, dürfe man nur in Ausnahmefällen und mit Erlaubnis der zuständigen Naturschutzbehörde Maßnahmen zur Vertreibung vornehmen. Häufig seien aber auch solche Aktionen nur kurzfristig erfolgreich. Langfristig entstünden dadurch eventuell sogar zusätzliche Kolonien mit insgesamt noch mehr Tieren. Genervten Nachbarn von Krähen macht Sarah Koschnicke jedoch Hoffnung: „Wenn im Juni die Brut das Nest verlässt, wird es meist ruhiger.“

23.04.2019

 

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